om13 - release18

openmind #om13
Challenge accepted.

Referenten
Klaus Peukert
Programm
Tag Samstag - 2013-08-24
Raum Raum 3
Beginn 20:30
Dauer 01:00
Info
ID 205
Veranstaltungstyp Vortrag
Track gesellschaft
Sprache der Veranstaltung deutsch

Vom (Fußball-)Schiedsrichter zum Politiker

Was ich als Politiker von mir als Schiedsrichter gelernt habe

Fußballschiedsrichter und Politiker: Beide müssen viele Entscheidungen treffen und stehen ständig im Blickfeld der Öffentlichkeit. Ein kurzer, experimenteller Abriß über Gemeinsamkeiten der Anforderungen an Schiedsrichter und Politiker sowie persönliche Erfahrungswerte des Vortragenden als langjährigem Schiedsrichter und aktuellem Mitglied des Bundesvorstandes der Piratenpartei.

(Fussball-)Schiedsrichter haben ein klares und überschaubares Regelset, aus dem sich aber unzählige und durchaus komplexe Anwendungsszenarien ergeben. So ist "Regel 3 - Zahl der Spieler" sehr kurz, es gibt aber lustige Komplikationen, wenn ein Auswechselspieler den Ball vorm leeren Tor wegschlägt oder ein einzuwechselnder Spieler dem Gegner eine pfeffert, während der Auszuwechselnde noch auf dem Platz steht. Schiedsrichter haben auch trotz eindeutiger Regeln ("Wer den SR kritisiert, kriegt Gelb") einen Wahrnehmungs- und Ermessensspielraum. Im Rahmen dessen können sie durchaus weit auslegen, ob das jetzt verwarnungswürdige Kritik, ein absichtliches Handspiel oder rohes Spiel war.

Die sinnvolle Anwendung dieses Spielraums ist Kernaufgabe eines guten Schiedsrichters.

Bei Politikern und insbesondere Gliederungsvorständen ist das ähnlich. Anträge zu Demounterstützungen, Zeichnung von Petitionen, Geld für Veranstaltungen, "Klassensprecher, tu doch was!"-Aufgaben, Presseanfragen, Erklärungen von Partei und Programm und ähnliches. Man lernt sehr schnell, dass es keinen Algorithmus gibt, in den man oben einen Sachverhalt reinwirft und unten eine Entscheidung rauskommt. Den einen Antrag zum Support von Bradley Manning lehnt man ab, den anderen nimmt man an. Die eine Truppe kriegt Geld, die andere nicht.

Unpolitische Technokratie funktioniert für Vorstände genausowenig, wie stures Anwenden des Wortlauts der Spielregeln für Schiedsrichter.

Eine weitere wichtige Eigenschaft von Schiedsrichtern ist "Berechenbarkeit". Wenn die Spieler wissen, dass SR Peukert wirklich jedes Trikotzupfen mit Gelb ahndet und auch mal ein Spieler nach 10min Duschen geht, dann können sie sich drauf einstellen und ihre Spielweise anpassen. Bei Politikern würde man da wohl eher "Nachvollziehbarkeit" anlegen, in dem Sinne, dass der Politiker eine nachvollziehbare und "berechenbare" politische Haltung hat und seine Entscheidungen in deren Rahmen konsistent sind.

Spieler müssen sich auf den Schiedsrichter einstellen und verlassen können, genau wie der Politiker verläßlich sein sollte.

Am Ende des Tages geht es sowohl bei Schiedsrichtern als auch bei Politikern/Vorständen darum, nicht stur technokratisch irgendwelche Algorithmen abzuarbeiten, sondern im Rahmen von "Sinn und Geist" der Regeln/Anforderungen zu handeln, berechenbar und konsequent zu sein und mit einer klaren und nachvollziehbaren Haltung das "Spiel zu leiten"