om12 - 4.0

openmind #om12
Try. Something. New.

Referenten
Michael Seemann
Programm
Tag Tag 2 - 2012-09-23
Raum Raum 1
Beginn 10:00
Dauer 01:00
Info
ID 137
Veranstaltungstyp Vortrag
Track Wirtschaft & Arbeit
Sprache der Veranstaltung deutsch
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Jensseits der Sklavenmoral

Ethik als Tool zur Weltververänderung

Vor zwei Jahren - auf der Openmind 10 - versuchte ich mit diesen Gedanken im Hinterkopf eine Informationsethik zu formulieren und heraus kam die „Filtersouveränität“. Der Veränderungsvektor, den diese Ethik antizipiert der Kontrollverlust. Das Wegbrechen der Kontrollmöglichkeiten von Information auf Seiten des Senders und die Zugewinnung von Rekontextualisierungs- und Filtertools auf Seiten des Empfängers werden zu einer entsprechenden Umkehrung bei der Rechtfertigung von Informationsverbreitung führen, so mein Gedanke. Eine Ethik, die dieser Umkehrung gerecht werden will, darf nicht mehr nach dem Existenzrecht einer Information fragen, sondern die Legitimation ihrer Zurückhaltung in Frage stellen.

Ich möchte dieses Mal zwei weitere wichtige Felder aufzeigen, von denen ich glaube, dass sie nicht nur dringlich nach einer neuen Ethik verlangen, sondern sie eine solche bereits ankündigen: die Verteilungsethik und die Arbeitsethik.

Die Umwälzungen des Digitalen verändern die Umstände unseres Daseins. Technologien verändern kulturelle Praktiken, welche die Politik verändern und somit auch die Parameter dessen, was wir als "Gut" bezeichnen. Das Gute zu tun war zu allen Zeiten eine schwierige Sache, aber besonders in Zeiten des Umbruchs. Vor allem deswegen, weil die Einschätzung einer Handlung immer eine Nachträgliche ist, oft eine geschichtliche. Eine Ethik, die in der Zukunft bestand haben will, muss also fragen, was unter den sich aktuell verändernden Bedingungen, dereinst als Gut bezeichnet werden wird. Zwei Beispiele möchte ich ausführen:

  1. Unsere Ethik der Verteilung ist nicht mehr zeitgemäß. Die Rechtfertigung von Verteilung über Äquivalenz und Reziprozität einerseits und dem Leistungsgedanken sowie der Bedürftigkeit andererseits, bleibt unter den heutigen Möglichkeiten gesellschaftlicher Wohlfahrt und damit der Freiheit der Individuen weit zurück. Darüber hinaus wird diese Ethik spätestens im fortschreiten weiterer Automatisiserung auf ihre natürlichen Rechtfertigbarkeitsgrenzen stoßen.

  2. Damit einher muss eine Aufbrechung des Leistungsbegriffs gehen. Dies geht allerdings nicht, ohne einen anderen Bereich der Ethik zu tangieren: den der Arbeitsethik. Auch sie ist in ihrer jetzigen Form nicht mehr für die veränderten Rahmenbedingungen ihrer Umwelt geeignet. Es muss also erneut gefragt werden, was Arbeit in Zukunft für eine Aufgabe hat und was für Anreize eine Ethik dafür bieten muss.

All diese Themen sind ureigenste Bereiche der Politik. Ich glaube aber, es reicht nicht aus, einfach eine politische Neuaushandlung der Umverteilungsprozentsätze und der Veränderung der Arbeitsrahmenbedingungen zu fordern. Die Veränderungen, die die Piratenpartei vorschlägt und die meines Erachtens auch notwendig sind, sind zu tiefgreifend und Systemfremd, als dass sie sich einfach so implementieren ließen. Mit der politischen Veränderung - eigentlich ihr voraus - muss ein verändertes Denken einhergehen, ein Bewusstseinswandel, vielleicht sogar eine Umwertung der Werte.

Ich will ein paar Vorschläge unterbreiten, wie dieses Denken aussehen könnte. Darüber hinaus will ich anhand der Beispiele skizziern, wie wie Ethiken in Konflikt mit sich verändernden Realitäten geraten können und wie sich aus der Antizipation von Trends neue Ethiken ableiten lassen. Dahinter steht eine Haltung, Ethik weniger als eine feststehende und unveränderliche, transzendentale Wahrheit zu begreifen, sondern mehr als veränderbares Tool zu verstehen, das unterschiedlich gut angewandt werden kann und hier und da ein Update braucht.